Eine besondere Freundschaft

arenz
HIER in Mittelfranken ist es fast unmöglich, den Arenz-Geschwistern Ewald, Sigrun und Helwig aus dem Weg zu gehen. In den Buchläden, auf den kleinen Theaterbühnen und in den Kolumnenspalten der lokalen Presse trifft man mindestens einen Vertreter des sympathischen Trios in schöner Regelmäßigkeit. Ewald Arenz hat — zumindest, was den Verlag angeht — für sein jüngstes Buch zwar den Schritt vom beschaulichen Cadolzburg ins große Köln gewagt, aber inhaltlich bleibt er in Alte Sorten  seiner fränkischen Heimat dennoch treu.

Irgendwo in Weinfranken liest die Mittvierzigerin Liss an einem strahlenden Septembertag die junge Sally am Straßenrand auf und nimmt den gerade aus einer Therapieeinrichtung ausgerissenen Teenager kurzerhand auf ihren für nur eine Person viel zu großen Hof mit. Dort fühlt sich Sally schnell wohl — schon allein deshalb, weil Liss, anders als die Eltern, die Schule oder das Klinikpersonal, keine unangenehmen Fragen stellt. Nach und nach nähern sich die wortkarge Eigenbrötlerin und das zornige Mädchen einander an. Dabei tut sich für Sally eine völlig neue Welt auf, denn Liss mit ihren Hühnern und Bienen, dem Kartoffelacker, den altertümlichen Gerätschaften und vor allem dem wie verwunschen wirkenden Garten mit den krummen alten Birnbäumen, deren Früchte Namen wie Andenken an den Kongress, Herzogin Elsa  oder Präsident Drouard  tragen, hat eine beruhigende Wirkung und vermittelt ein lange nicht gekanntes Gefühl von Zuhause. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass die Situation nicht auf Dauer ist und irgendwo auf Liss‘ Vergangenheit ein dunkler Schatten liegt.

„Manchmal möchte ich wie ein Tier sein. Alles so nehmen, wie es kommt. Essen, was da ist und wie es eben ist. Roh. Mich wie ein Tier bewegen und wie ein Tier leben. Ohne Gedanken und …“, sie zögerte, „ohne Ängste. Ohne immer an irgendetwas gebunden zu sein.“

Die behutsame Annäherung und die langsam aufkeimende Freundschaft zwischen den beiden auf den ersten Blick höchst unterschiedlichen Frauen schildert Ewald Arenz mit knappen, wohlgesetzten Worten und einem detailverliebten Blick. So wird neben Liss und Sally die in der Septembersonne leuchtende Landschaft schnell zu einer dritten Protagonistin, wobei das Leben und Arbeiten auf dem Land nie verklärt dargestellt wird oder in Richtung Landlust-Kitsch kippt. Die ruhige Erzählweise und die genaue Beobachtung behält Arenz auch dann bei, als die Handlung im letzten Drittel des Romans eine dramatische Wendung nimmt. So bleibt bis zuletzt der Eindruck, es hier mit einem rundum gelungenen (und dazu wunderbar gestalteten) Buch zu tun zu haben, das nicht nur die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft erzählt, sondern auch die wichtige Frage aufwirft, inwiefern ein selbstbestimmtes Leben in einer Gesellschaft gelingen kann, die einen mit ihren vielen Vorschriften und Konventionen ständig einzuengen scheint.

UPDATE 9. MAI
DSCN0553Vor knapp einer Woche hatte ich die große Freude, Ewald Arenz kurz vor der Mittagsstunde (noch ein Buch, das ich nur empfehlen kann) im Rahmen der „LeseLust“ in Ansbach aus „Alte Sorten“ lesen und über die Entstehungsgeschichte des Romans plaudern zu hören. Eine sehr schöne Veranstaltung, zumal der Autor nicht nur ein sehr sympathischer, stets äußerst stilvoll (diesmal mit bordeauxrotem Anzug und Fliege) gekleideter Zeitgenosse mit einer angenehmen Vorlesestimme ist, sondern weil ich nun etwas mehr über die Anfänge der Geschichte, die Entwicklung der beiden Protagonistinnen und die Arbeitsweise des Autors weiß. Dafür schätze ich Lesungen ganz besonders: Natürlich auch für den unterhaltsamen Aspekt, aber eben in erster Linie für die Gelegenheit, eine Lektüre noch einmal Revue passieren zu lassen, tiefer einzusteigen und Neues aus erster Hand zu erfahren.

Aktuelle Termine von Ewald Arenz (darunter auch ganz stilecht eine Lesung auf einer Obstwiese) finden sich hier.

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