Zu Fuß durch die Weltgeschichte

MOMENTAN habe ich aus verschiedenen Gründen wenig Zeit zum Bloggen. Wie gut, dass noch ein paar Artikel aus meinem alten, inzwischen eingestellten Blog im Archiv schlummern und darauf warten, hervorgekramt zu werden. Die Buchvorstellung unten ist erstmals im Mai 2016, also vor ziemlich genau drei Jahren, erschienen. An Manuel Andracks Schritt für Schritt  (das mittlerweile auch als Taschenbuch erhältlich ist) musste ich beim Lesen eines sehr interessanten Beitrags über Mathijs Deens Über alte Wege  im stets äußerst lesenswerten Blog Zeichen & Zeichen  denken. Manuel Andrack nimmt sich einer ähnlichen Thematik auf eine eher lockere, größtenteils von persönlichen Erlebnissen geprägte Art und Weise an, schlägt aber gelegentlich auch sehr ernste Töne an. Gerade das beklemmende Kapitel über die im Originalartikel erwähnte „Schuhprüfstrecke“ werde ich bald auf jeden Fall noch einmal lesen.

manuel_andrack

AUS DEM ARCHIV
Trotz der Unterzeile „Wanderungen durch die Weltgeschichte“ ist Schritt für Schritt  kein klassisches Wanderbuch, wie Manuel Andrack bereits im Vorwort klarstellt. Vielmehr sieht er sein Buch, für das er im Laufe von drei Jahren diverse Wege nachgewandert ist, die in der Weltgeschichte eine kleinere oder größere Rolle gespielt haben, als ein „mobiles Geschichtsbuch“. Beim Wandern als mehr oder weniger sinnfreier Freizeitbeschäftigung handelt es sich schließlich um eine relativ junge Erfindung. Der Neandertaler, dem das erste Kapitel des chronologisch geordneten Buches gewidmet ist, legte zwar pro Tag 20 bis 30 Kilometer zu Fuß zurück, aber eben nicht aus Spaß an der Freude, sondern schlichtweg, um sein Überleben zu sichern.

Nach dem Fußmarsch durchs Neandertal verschlägt es Manuel Andrack unter anderem auf den Schleichweg, den der verräterische Spartaner Ephialtes von Trachis 480 v. Chr. den Persern zeigte und ihnen damit den Sieg in der Schlacht in den Thermopylen ermöglichte, auf den „Jesus Trail“, der an diversen Orten des Neuen Testaments vorbeiführt, und natürlich auf den unvermeidlichen Jakobsweg, der hinter den Pilgerrouten nach Jerusalem und Rom im Mittelalter abgeschlagen auf dem dritten Platz der beliebtesten Pfade zum Sündenerlass rangierte.

Obwohl man während der Lektüre quasi im — Achtung, Wortspiel — Vorbeigehen allerlei Wissenswertes über die gerade beschriebe Epoche, die Lebensumstände der damaligen „Fußgänger“ und geographische Besonderheiten lernt, steht in Schritt für Schritt  natürlich dennoch die Unterhaltung im Vordergrund — und unterhaltsam ist das Buch allemal. Manuel Andrack schreibt flüssig und kurzweilig, hat ein feines Gespür für Humor, einen guten Blick für kauzige Zeitgenossen und ist ein Meister im Erzählen von Anekdoten.

Amüsant zum Beispiel ist es, wenn sich der Autor an der feuchtfröhlichen „Springprozession“ zu Pfingsten im luxemburgischen Echternach beteiligt (Teilnahmebedingungen: „Ein weißes Hemd, eine blaue Hose und jede Menge Bierdurst.“). Oder, wenn sich auf dem Ausoniusweg, den der Autor in (halbwegs) authentischer Legionärsausstattung beschreitet, die Römersandale in ihre Einzelteile auflöst.

Allerdings gibt es auch Kapitel, in denen Schritt für Schritt  keine leicht verdauliche Kost ist: Wenn Manuel Andrack zum Beispiel im Elbsandsteingebirge die „Schwedenlöcher“ genannten Felsvorsprünge und kleinen Höhlen erkundet, in denen die Bauern der Gegend während des Dreißigjährigen Krieges Zuflucht vor marodierenden Söldnerheeren suchten, ist die Beklemmung ebenso spürbar wie bei seinem Streifzug durch die Wälder nahe der Schlachtfelder von Verdun. Besonders erschütternd ist jedoch der Abschnitt über die kaum bekannte „Schuhprüfstrecke“ des Konzentrationslagers Sachsenhausen, auf der die Häftlinge Innovationen der deutschen Schuhindustrie in Gewaltmärschen auf einem monotonen Rundkurs auf ihre Haltbarkeit prüfen mussten und noch dazu der Willkür von nicht selten sadistisch veranlagten Wärtern ausgesetzt waren. Eine unmenschliche Schinderei, die nur wenige der Häftlinge längere Zeit überlebten.

Seit der Steinzeit hat sich gar nicht so viel getan, was die Motivation der Menschen angeht, sich auf die Socken zu machen. Es ist der nackte Überlebenswille, der für den Neandertaler wie auch für den Migranten des 21. Jahrhunderts der Grund war bzw. ist, sich aufzumachen in eine ungewisse Zukunft.

Mit diesem nachdenklichen und eher pessimistischen Fazit kommt Manuel Andrack am Ende dieses nicht nur für Wanderer und sonstige Fußgänger sehr empfehlenswerten Buches schließlich in der Gegenwart an, als er sich im November 2015 an der deutsch-österreichischen Grenze für eine Weile einer Gruppe von Flüchtlingen anschließt. Inzwischen mag es in Sachen Mobilität zahllose komfortablere Alternativen geben, aber in den entscheidenden Momenten kommt der Mensch auch heute nicht an der Fortbewegung per pedes  vorbei.

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